Blue Flower

"Die Linie ist der Sprung aus dem Statischen (Punkt) ins Dynamische. Linien haben Spannung und Richtung.“
(Kandinsky)

Allgemeiner Hinweis

Für alle Übungen in diesem Tutorial gilt: Drehe deine Kamera ins Hoch-, Quer- oder Schrägformat. Fotografiere enge und weite Ausschnitte, um genügend Bildmaterial zum Sehen und Experimentieren zu haben. Finde anhand der Fotografien heraus, wie sich Wirkungen und Bildaussagen in den verschiedenen Aufnahmen ändern. Du wirst nicht immer die beschriebenen Wirkungen nachvollziehen können. Jeder Mensch empfindet anders. Es gibt kein Falsch und kein Richtig. Versuche, in die Fotos einzutauchen, den Bildwirkungen nachzuspüren und diese in deinen Erfahrungsschatz zu verankern. Leider gibt es dafür keine Rezepte.

Eine Linie als Motiv wird auf verschiedene Arten sichtbar:

Die virtuelle Linie
Die waagerechte Linie
Die senkrechte Linie
Die diagonale Linie
Die schräge Linie
Die freie Linie
Die Blicklinie

 

Übung

Ziehe mit deiner Kamera los. Finde Linien und mache sie zum Bildmotiv. Ziel ist es, Linien bewusst wahrzunehmen.
Nimm dir Zeit bei der Suche, bei der Aufnahme und beim Betrachten der Ergebnisse. So ganz nebenbei legst du dir außerdem eine Bild-Bibliothek für spätere Anregungen an.
Beobachte die Wirkung der Linien. In diesem Bild scheint die rechte obere Linie ins Bild hineinzuzeigen, während die Linie darunter rechts aus dem Bild hinauszeigt. Oder wie empfindest du?

Sicherlich findest du auch Kombinationen von dicken und dünnen Linien. Linien haben neben Richtung auch Gewicht. Unschwer zu erkennen, welche Linie in diesem Bild schwer und welche leicht wirkt.

 

Die virtuelle Linie

Eine Linie kann auch durch Aneinanderreihung von Einzelelementen entstehen. Unser Sehen schließt die Abstände zwischen den Punkten. Ab drei Punkten mit einer gewissen Nähe zueinander neigen wir dazu, daraus eine virtuelle Linie zu bilden.

Übung

Finde virtuelle Linien. Wie groß muss der Abstand der Einzelelemente sein, damit sich eine virtuelle Linie bildet? Versuche durch Veränderung der Aufnahmeposition, die Abstände zu variieren.

Die Kreuze bilden gleich mehrere virtuelle Linien.

Die Aneinanderreihung der Blätter ergibt ebenfalls eine virtuelle Linie. In diesem Fall beginnt durch die Nähe der einzelnen Punkte schon der Übergang zu einer grünen Fläche.

 

Wenn sich Punkte bewegen, können bei entsprechender Belichtungszeit ebenfalls Linien entstehen. Zum Beispiel die Bahnen der Sterne am Nachthimmel, vorbeifahrende Autos mit eingeschaltetem Licht ...

 

... oder beim Zeichnen mit einer Taschenlampe in der Dunkelheit bei geöffnetem Kameraverschluss.

 

Übung

Versuche, bei der Aufnahme von bewegten Gegenständen durch Variieren der Belichtungszeit Linien zu erzeugen. Kürzere Zeiten (z.B. 1/500) werden eher Punkte, längere Belichtungszeiten (z.B. 1 sec) werden Linien liefern. Experimentiere mit den zur Verfügung stehenden Zeiten und beobachte, wie sich die Bildaussage verändert.

 

Die waagerechte Linie

Sie strahlt Ruhe aus. Sie teilt die Bildfläche in zwei liegende Rechtecke. Die wichtigste waagerechte Linie ist der Horizont. Sie teilt in Himmel und Erde. Der untere Bildteil wird dem Vordergrund und der obere dem Hintergrund zugeordnet.

 

Im Hochformat steigert sich die bildteilende Wirkung.

Mehrere waagerechte Linien übereinander erzeugen eine Tiefenwirkung. Dies entspricht unserer ureigensten Seherfahrung. Am besten harmoniert die waagerechte Linie mit dem Querformat.

 

Übung

Finde waagerechte Linien, einzelne und gestaffelte. Entsteht bei mehreren Linien ein Rhythmus?

 

Die senkrechte Linie

Im Gegensatz zur waagerechten Linie wirkt sie instabil. Sie führt normalerweise nicht in die Weite. Es sei denn, sie ist gestaffelt.

 

Übung

Finde verschiedene senkrechte Linien.

 

Achte bei der Wiederholung von Linien auf deren Abstände und die damit verbundene Wirkung.

 

Entstehen Rhythmen? Gibt es Störungen?

 

Platziere Linien an verschiedene Positionen im Foto. Ändert sich die Wirkung des Motivs?

Welche Tür lässt sich „leichter öffnen“?

 

Die diagonale Linie

Sie läuft im Bild von Ecke zu Ecke. Diese Linie hat eine Tendenz zur Bewegung. Aufwärts oder abwärts. Sie ist dadurch sehr dynamisch. Sie teilt die Fläche ebenfalls - in diesem Fall in zwei Dreiecke.

 

Unsere Sehgewohnheit interpretiert in der Regel die Linie von links unten nach rechts oben als aufsteigend. Es entsteht ein größerer optischer Widerstand, der uns anhält, im Bild zu verweilen. Eine Linie von links oben nach rechts unten wirkt als abfallend. Diese Line kann das Auge dazu bringen, das Bild zu verlassen, wenn dem nicht gestalterisch durch einen Fixpunkt entgegengewirkt wird. Durch ein Hochformat werden diese Wirkungen verstärkt.

Übung

Finde diagonale Linien. Untersuche ihre Dynamik.
Wie verändert sich zum Beispiel die Bildwirkung durch Spiegelung des Fotos?
Spürst du die Dynamik der diagonalen Linie?

Welche der folgenden Brückenfahrbahnen führt aus dem Bild heraus? In welchem Bild wirkt die Brücke schwerer? Wie empfindest du oder deine Freunde? Die meisten Menschen empfinden die Diagonale von links unten nach rechts oben als aufsteigende Diagonale. Sie baut einen größeren Widerstand dagegen auf, das Bild zu verlassen. Die Brückenfahrbahn bekommt ein größeres Gewicht.

Anders bei der Diagonale von links oben nach rechts unten. Sie lässt uns aus dem Bild herausrutschen. Sie wirkt kraftloser.

 

Die schräge Linie

Sie lässt sich nicht der waagerechten, senkrechten oder der diagonalen Linie zuordnen. Einzelne Linien wirken im Gegensatz zur Diagonale kraftloser. Mehrere Linien heben sich in ihrer Dynamik auf.

Die kurzen senkrechten Linien sind hier mit einer schrägen Zickzack-Linie kombiniert.

Linien erzeugen Perspektive, zum Beispiel durch einen Fluchtpunkt.

 

Dabei verstärkt eine symmetrische Ausrichtung den Tiefeneffekt.

 

Übung

Finde weitere Linienformen, zum Beispiel Bögen, und experimentiere weiter mit Spiegelungen der Fotos. Es kommt auf die ganz persönliche Empfindung an, deshalb lass dir Zeit bei der Betrachtung.

Die freie Linie

Linien mit freier Form und Verlauf haben eine starke Bilddominanz.

 

Freie Linien können eine starke Unruhe ins Bild bringen. Sie müssen daher gebunden werden.

Haben sie ein Zentrum oder enden sie in einem Punkt?

 

Übung

Finde ähnliche Beispiele, bei denen freie Linien gebunden werden.

 

Die Blicklinie

Sind auf einem Foto Menschen abgebildet, entstehen Linien ihrer Blicke. Es sei denn, sie haben die Augen geschlossen. Der Blick kann zu einer anderen Person oder zu einem Gegenstand führen. Oder der Blick verliert sich in der Leere und führt aus dem Bild heraus. Diese Blicklinien sind wichtig dafür, was uns das Foto erzählen will, welche Geschichte sich im Bild verbirgt.

Das stehende Paar sieht sich an, steht unmittelbar in Beziehung. Der junge Mann davor schaut nachdenklich und scheint nicht beteiligt. Das Mädchen in der Mitte ist mit sich beschäftigt und scheint zufrieden zu sein. Und was denkt der Mann rechts?

Übung

Suche Blicklinien in vorhandenen Fotos. Zum Beispiel in Familienfotos. Oder fotografiere ganz bewusst bei einer Familienfeier, indem du zuerst die einzelnen Personen und ihre Blicke beobachtest. Welche Beziehungen teilen sich mit? Versuche, Fotos mit entsprechender Aussage zu fotografieren.

Wiederhole die Übungen regelmäßig! Der fotografische Blick entwickelt und schärft sich erst durch ständiges Training.

Lerne, fotografisch zu sehen.

(c) 2012 - Siegfried Kürschner - www.fotografisch-sehen-lernen.de